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Tages-Anzeiger; 07.06.2005 Silvio Temperli
Kranke Platanen lassen in der Stadt knüppeldicke Äste fallen

Müssen sich Fussgänger bald mit einem Helm schützen? Ein gefährlicher Pilz zersetzt das Holz der Platanen. Die Äste sterben ab und fallen herunter.

Befallener Ast in der Krone; fortgeschrittenes Stadium mit deutlicher Schwarzfärbung der Rinde im Bereich des Astansatzes - es besteht eine akute Bruchgefahr

Zürich. - Den Platanen in der Stadt geht es schlecht. Sie haben Pilze dran. Sybille Trüb, Spezialistin für Baumpflege, steht im Bullingerhof beim Albisriederplatz, wo Kinder spielen. Sie zeigt auf einen abgestorbenen Ast in der unteren Kronenpartie einer grossen Platane. Dann sichert sie sich mit dem Klettergurt, steigt die Leiter hoch und schwingt sich ins Geäst. Zwei-, dreimal sägt sie am toten Ast, schon bricht er und fällt herunter. «Bislang ist Gott sei Dank noch nichts geschehen, doch mit der Zeit kann es gefährlich werden», sagt sie.

Sicherheit der Passanten geht vor
Sybille Trüb ist seit Mai Tag für Tag in der Stadt unterwegs, beobachtet den Zustand der Platanen, schaut, welche Bäume dürre Äste tragen. «Die Schäden sind schon sehr gross. Wir sind beunruhigt von der massiven Zersetzung des Holzes.» Sie packt den befallenen Ast und lädt ihn in einen kleinen Camion. Das Holz wird später geschreddert und heiss kompostiert.

1800 Platanen stehen im Stadtraum. Nicht nur die Bäume im Bullingerhof leiden. Auch Platanen im Platzspitz, rund ums Seebecken, am Stadelhoferplatz, in der Sihlhölzli-Allee und entlang des Seebahneinschnitts in Wiedikon sind vom Pilz befallen. Paul Dudle, Chef Unterhalt bei Grün Stadt Zürich, macht sich Sorgen: «Wir müssen für die Sicherheit der Leute alles unternehmen, dürfen jetzt aber nicht in Hysterie verfallen.» Laufend treffen neue Schadensmeldungen ein, ständig tragen Mitarbeitende knüppeldicke Äste in sein Büro, die sie auf Kontrollgängen gefunden haben.

Als Sofortmassnahme werden nun tote Äste vor allem in jenen Anlagen entfernt, in denen sich viele Menschen aufhalten: bei Schulhäusern, auf Spielplätzen, auf der Landiwiese, in Bädern und Alleen. Doch jeden abgestorbenen Ast herauszuschneiden, ist sehr aufwändig. Das geht ins Geld. Paul Dudle rechnet mit einem grösseren Mehraufwand an Pflege. Im deutschen Mannheim etwa, wo erste Schäden schon Ende 2003 auftraten, sind für den Rückschnitt der kranken Platanen rund eine halbe Million Euro im Jahr budgetiert.

Stadtrat Martin Waser (SP), Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes, hat sich von Experten über die «lauernde Gefahr», wie er sagt, ins Bild setzen lassen. Sollte die Krankheit weiter um sich greifen, werde er im Parlament einen Nachtragskredit beantragen, so wie das bei einem «unvorhersehbaren Naturereignis» stets der Fall sei.

Erste Spuren des Pilzes hat Garteningenieurin Anje Wohlers in diesem Februar festgestellt. Sie entdeckte beim Winterschnitt an den Platanen im Sihlhölzli aussergewöhnlich viel totes Holz und erhebliche Astbrüche. Daraufhin gab Grün Stadt Zürich eine Untersuchung in Auftrag. Das Ergebnis steht seit kurzem fest. Es handelt sich um die Massaria-Krankheit. Sie tritt in Zürich zum ersten Mal in Erscheinung. Auch in Bern, Aarau und St. Gallen tragen Platanen erste Anzeichen.

Zu mildes Klima als Ursache?
Der das Holz zerstörende Pilz ist seit längerem im milden Klima des Mittelmeerraums und in den südlichen USA bekannt. Wissenschafter mutmassen, dass sich der Erreger dank trocken-heisser Witterung und dem damit verbundenen Mangel an Wasser ausbreitet. Die Krankheit könnte demnach eine Folge des heissen Sommers 2003 sein. Langfristige Erfahrungen mit der Massaria fehlen bis anhin. Sicher ist, dass der Pilz ältere, meist 40- bis 70-jährige Platanen befällt und ihre untere Krone auslichtet, die Hauptkrone aber nicht angreift. Bis jetzt sind noch nie ganze Bäume dem Pilz zum Opfer gefallen. Er macht sich zuerst auf der Oberseite der Äste breit. Sind sie einmal infiziert, zersetzt sich das lebendige Holz innert Kürze und bricht. Höchstwahrscheinlich sind es Vögel und Insekten, die das Sporenmaterial von Baum zu Baum übertragen.

 

 

Anfangsstadium - beginnende Nekrose auf der Astoberseite (Rosafärbung der Rinde)

  Anfangsstadium - angeschnittene Nekrose (die Nekrose läuft in Richtung Astende spitz aus)
 
Querschnitt durch einen befallenen Ast mit starker Verfärbung im Holzkörper   Bruchstelle eines frisch abgebrochenen Astes (deutlich zu sehen die Schwarzfärbung der Rinde)

Bilder: Antje Wohlers Zürich

weitere Informationen
Massaria-Krankheit

   

 

 


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