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Tages-Anzeiger; 13.10.2006 Von Andreas Grote
Ätzende Herbstblätter

Rote Ahornblätter vergiften den Boden und halten unliebsame Konkurrenten fern - ein Trick, den auch andere Pflanzen anwenden.

Der Herbst macht die Blätter bunt. Wenn das Chlorophyll allmählich abgebaut wird, gibt es bei den meisten Laubbäumen den Blick auf gelbe und orangefarbene Pigmente frei, die die schönen Herbstfarben bestimmen. Doch beim Ahorn sind die Blätter scharlachrot. Dabei handelt es sich nicht um ein Pigment, sondern um eine giftige Chemikalie, die der Baum nur im Herbst produziert. Forscher um den Biologieprofessor Frank Frey von der Colgate-Universität in New York haben herausgefunden, dass diese Baumart damit ihr Revier vor Eindringlingen schützt, die ihnen im nächsten Frühjahr Nährstoffe und Wasser streitig machen könnten.

Allelopathie nennen Botaniker den Vorgang, wenn Pflanzen durch das Ausscheiden organischer Verbindungen aufeinander wirken. So warnen sich Pflanzen beispielsweise über die Absonderung ätherischer Öle über die Luft gegenseitig vor Ungezieferbefall. Bei den benachbarten Pflanzen löst diese Warnung die Bildung entsprechender Abwehrstoffe aus, die sie entweder unverdaulich machen oder natürliche Feinde der Ungeziefer anlocken.

Salat wächst nicht
Anders funktioniert die Abwehr unliebsamer Konkurrenten im eigenen Territorium. Frey extrahierte die Chemikalien aus roten sowie grünen Ahornblättern und aus gelben sowie grünen Buchenblättern und schüttete sie über Salatsamen. Dabei stellte sich heraus, dass der Extrakt der roten Ahornblätter im Vergleich zu den anderen geradezu drastisch die Keimfähigkeit und das Wachstum des Salates unterband.

«Wenn die scharlachroten Laubblätter im Herbst auf den Boden fallen, laugen die roten Moleküle, die zu den Glycosiden gehörenden Anthocyanine, aus dem Laub ins Erdreich aus, um andere Pflanzen abzutöten», sagt Frey. So halte sich der Baum im nächsten Frühling etwaige Konkurrenz um die Nährstoffe vom Hals.

Auch andere Bäume und Pflanzen nutzen den Gifttrick. Der Walnussbaum beispielsweise bildet in seinen Blättern ein für ihn selbst ungiftiges Vorprodukt, das Glycosid Hydrojuglon, das über die Wurzeln, Schalen oder Blätter in den Boden gelangt und sich erst dort durch hydrolytische Spaltung in das giftige Juglon umwandelt. Ähnlich radikale Methoden fanden der Ökologe Barry Clinton von der Southern Research Station des amerikanischen Forstamtes beim Kastanienbaum. Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass der majestätische Kastanienbaum in den Wäldern der Appalachen durch sein schnelles Wachstum und schattenwerfendes Blattwerk sein Umfeld dominiert. Doch weit gefehlt.

Kastanien, Apfelbäume, Kiefern Als Clinton und sein Team einen Extrakt aus im Herbst abgefallenen Kastanienblättern zogen und an fünf Baumarten testeten, die mit ihm um den gleichen Lebensraum konkurrieren, beobachteten sie, dass der Extrakt das Keimen der anderen Baumarten verhinderte. Dabei geht es aber nicht nur um fremde Eindringlinge. Der Apfelbaum etwa gibt über seine Wurzeln Phlorizin in den Boden ab, wo dieses in giftige Stoffe umgewandelt wird. Damit verhindert der Baum, dass auch die eigenen Samen im direkten Umfeld auskeimen.

Nicht nur Laubbäume, auch Kiefern wissen sich zu behaupten. Wenn ihre Nadeln zu Boden fallen und sich beim Verrotten auflösen, setzen sie eine Säure frei, die in die Erde übergeht. Dadurch wird alles in der Nähe der Wurzeln spriessende Wachstum gehemmt. Broccoli, Gurken, Sellerie, Waldmeister und Wermut scheiden ebenfalls Gifte über die Wurzeln aus.


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