Rote Ahornblätter vergiften den Boden und halten unliebsame Konkurrenten
fern - ein Trick, den auch andere Pflanzen anwenden.
Der Herbst macht die Blätter bunt. Wenn das Chlorophyll allmählich abgebaut
wird, gibt es bei den meisten Laubbäumen den Blick auf gelbe und orangefarbene
Pigmente frei, die die schönen Herbstfarben bestimmen. Doch beim Ahorn
sind die Blätter scharlachrot. Dabei handelt es sich nicht um ein Pigment,
sondern um eine giftige Chemikalie, die der Baum nur im Herbst produziert.
Forscher um den Biologieprofessor Frank Frey von der Colgate-Universität
in New York haben herausgefunden, dass diese Baumart damit ihr Revier
vor Eindringlingen schützt, die ihnen im nächsten Frühjahr Nährstoffe
und Wasser streitig machen könnten.
Allelopathie nennen Botaniker den Vorgang, wenn Pflanzen durch das Ausscheiden
organischer Verbindungen aufeinander wirken. So warnen sich Pflanzen beispielsweise
über die Absonderung ätherischer Öle über die Luft gegenseitig vor Ungezieferbefall.
Bei den benachbarten Pflanzen löst diese Warnung die Bildung entsprechender
Abwehrstoffe aus, die sie entweder unverdaulich machen oder natürliche
Feinde der Ungeziefer anlocken.
Salat wächst nicht
Anders funktioniert die Abwehr unliebsamer Konkurrenten im eigenen Territorium.
Frey extrahierte die Chemikalien aus roten sowie grünen Ahornblättern
und aus gelben sowie grünen Buchenblättern und schüttete sie über Salatsamen.
Dabei stellte sich heraus, dass der Extrakt der roten Ahornblätter im
Vergleich zu den anderen geradezu drastisch die Keimfähigkeit und das
Wachstum des Salates unterband.
«Wenn die scharlachroten Laubblätter im Herbst auf den Boden fallen,
laugen die roten Moleküle, die zu den Glycosiden gehörenden Anthocyanine,
aus dem Laub ins Erdreich aus, um andere Pflanzen abzutöten», sagt Frey.
So halte sich der Baum im nächsten Frühling etwaige Konkurrenz um die
Nährstoffe vom Hals.
Auch andere Bäume und Pflanzen nutzen den Gifttrick. Der Walnussbaum
beispielsweise bildet in seinen Blättern ein für ihn selbst ungiftiges
Vorprodukt, das Glycosid Hydrojuglon, das über die Wurzeln, Schalen oder
Blätter in den Boden gelangt und sich erst dort durch hydrolytische Spaltung
in das giftige Juglon umwandelt. Ähnlich radikale Methoden fanden der
Ökologe Barry Clinton von der Southern Research Station des amerikanischen
Forstamtes beim Kastanienbaum. Bislang ging die Wissenschaft davon aus,
dass der majestätische Kastanienbaum in den Wäldern der Appalachen durch
sein schnelles Wachstum und schattenwerfendes Blattwerk sein Umfeld dominiert.
Doch weit gefehlt.
Kastanien, Apfelbäume, Kiefern Als Clinton und sein Team einen Extrakt
aus im Herbst abgefallenen Kastanienblättern zogen und an fünf Baumarten
testeten, die mit ihm um den gleichen Lebensraum konkurrieren, beobachteten
sie, dass der Extrakt das Keimen der anderen Baumarten verhinderte. Dabei
geht es aber nicht nur um fremde Eindringlinge. Der Apfelbaum etwa gibt
über seine Wurzeln Phlorizin in den Boden ab, wo dieses in giftige Stoffe
umgewandelt wird. Damit verhindert der Baum, dass auch die eigenen Samen
im direkten Umfeld auskeimen.
Nicht nur Laubbäume, auch Kiefern wissen sich zu behaupten. Wenn ihre
Nadeln zu Boden fallen und sich beim Verrotten auflösen, setzen sie eine
Säure frei, die in die Erde übergeht. Dadurch wird alles in der Nähe der
Wurzeln spriessende Wachstum gehemmt. Broccoli, Gurken, Sellerie, Waldmeister
und Wermut scheiden ebenfalls Gifte über die Wurzeln aus. |