Das Burgdorfer Stadtbild wird mitgeprägt von den 200 Kastanienbäumen, die im öffentlichen Raum stehen. Jetzt, im Oktober, sind sie besonders gefragt: Sie lassen ihre Früchte fallen, die Kinder zum Spielen liebend gerne sammeln.
Ist Ihnen während der Fahrt schon einmal eine Kastanie von hohem Ast auf das Autodach geplumpst? Nein? Dann wissen Sie nicht, wie sehr man dabei erschrecken kann. Der Knall ist beträchtlich und schon fast mit einem dumpfen Pistolenknall zu vergleichen. Gegen diese Missliebigkeit war in den letzten Tagen niemand gefeit, der auf der Burgdorfer Hauptachse am Burgerheim vorbeifuhr, unter den auf die Strasse hinausragenden Ästen der Kastanienbäume hindurch, die nicht nur ihre Blätter, sondern auch ihre stachlig umhüllten Früchte fallen liessen.
Burgdorf ist auffallend reich an Kastanienbäumen. Jetzt, im Oktober, sieht man des Öftern Mütter oder Grossmütter zusammen mit Kindern in gebückter Haltung suchend umherstreifen und die am Boden liegenden Kastanienkerne – nicht zu verwechseln mit den essbaren Edelkastanien – aufheben, um daraus zu Hause dann die allseits beliebten «Cheschtelemanndli» zu basteln. Gesammelt wird traditionell auf der Brüder-Schnell-Terrasse; reiche Ausbeute winkt aber auch beim Bahnhof oder auf dem Fussweg vor dem Burgerheim.
Das Einfache gefällt
Bunte Gummiritter und Plastikdinos, Videogames, Trickfilme und komplexe Baukastenspiele: heutigen Kindern mangelt es punkto aktionsreicher und zeitgemässer Unterhaltung an nichts. Und doch gibt es kaum ein Kind, das sich für die seit Generationen bloss aus Kastanien, Zündhölzern und allenfalls Hagebutten gefertigten Kastanienfiguren nicht begeistern liesse.
Woher kommt die zeitlose Anziehungskraft des knorrigen Männchens mit seinen spindeldürren Zündholzärmchen und -beinchen, dem viel zu grossen Kopf, dem kugelrunden Rumpf und dem unbeholfenen Grinsen?
Spannende Erfahrungen
Margrith Hüppi arbeitet seit Jahren in Burgdorf als Kindergärtnerin; sie weiss mögliche Antworten. «Kastanien sind ein natürliches Werkmaterial, das angenehm zu berühren und schön in der Form ist», sagt sie. Fast bekomme man ein wenig das Gefühl, dass Kastanien eine wärmende Wirkung entfalteten, wenn man sie nur lange genug in den Händen halte. Kurz und gut: «Auf mich haben Kastanien eine grosse Anziehungskraft, und diese Faszination spüren auch die Kinder.» Schon nur das Sammeln, die Suche nach den runden, ölig glänzenden Kernen in ihren Stachelhüllen sei ein amüsantes Erlebnis. Beim Basteln mit Kastanien könne das Kind dann weitere interessante Erfahrungen machen – zum Beispiel, dass es die entstehende Figur sorgfältig auszubalancieren gelte, wenn sie auf ihren Zündholzbeinen auch wirklich stehen solle.
Überhaupt sei es in der heutigen, der Natur entfremdeten Zeit wichtig, den Kindern die Schönheit und den Wert von Wald, Park und Wiese wieder näherzubringen. «Gerade jetzt, im Herbst, bietet die Natur besonders viel Spannendes und Schönes, das sich sammeln lässt, nicht zuletzt all die bunten und unterschiedlich geformten Blätter», sagt Margrith Hüppi, die es bedauert, dass bei vielen Familien Waldspaziergänge aus der Mode gekommen sind.
Bäume mit Röhrchen
Mit den ehrwürdigen Kastanienbäumen auf der Brüder-Schnell-Terrasse haben sich in den vergangenen Tagen auch die Leute vom städtischen Werkhof befasst. Sie standen, mit Gurten gesichert, hoch im Geäste und verpassten den Bäumen einen Pflegeschnitt. «Vor rund 20 Jahren hat man diese alten Bäume aufwändig saniert, Höhlungen im Holz mit Mörtel aufgefüllt und die Stämme mit Drainageröhrchen versehen», sagt Peter Burkhalter, Leiter des städtischen Grünanlagen-Teams. «Das entsprach den Grundsätzen der damals gerade aufkommenden Baumchirurgie; heute pflegt man Bäume wieder etwas zurückhaltender.» Wann die Kastanien auf der Schnell-Terrasse gepflanzt worden sind, kann Burkhalter nicht exakt sagen, schätzt deren Alter aber auf rund 130 Jahre.
Kastanienbäume liessen sich immer wieder zurückschneiden, ohne dass sie Schaden litten, erklärt der Fachmann. Deshalb seien sie früher, zusammen mit der Linde, besonders gerne als Stadt- und Parkbäume verwendet worden. Allein auf dem Grund und Boden der Stadt Burgdorf befänden sich rund 200 Kastanienbäume; hinzu kämen all jene Exemplare, die in privaten Gartenanlagen stünden.
Beruhigende Aussichten
Übrigens: Wegen der Baumpflege lassen sich heuer auf der Brüder-Schnell-Terrasse nicht besonders viele Kastanien sammeln, denn die begehrten braunen Kugeln werden mit dem anfallenden Schnittgut laufend entsorgt. «Im kommenden Jahr wird das aber bereits wieder anders sein», beruhigt Peter Burkhalter, der weiss, dass das Kastaniensammeln auf der Terrasse in der oberen Altstadt zu den beliebten Herbstvergnügen in der Emmestadt gehört.

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